Schluß mit "IoT"

5 Fakten warum wir uns vom Begriff "Internet of Things" verabschieden sollten.

von Sebastian Floss
Lesedauer ca. 2 Minuten

Fakt 1: Es gibt kein „Internet der Dinge“.

Es gibt nur zahlreiche Dinge, die inzwischen die Netzwerkinfrastruktur des Internet nutzen, um miteinander ohne menschliche Intervention Daten auszutauschen.

„Internet of Things“ klingt nach Netzwerkinfrastruktur. Als würden Gegenstände über ihr eigenes, paralleles Netz zum ‚normalen‘ Internet verfügen. Folgerichtig müsste es dann aber auch ein „Internet der Menschen“ geben.

Der Begriff wurde 1991 von Kevin Ashton bei Procter und Gamble verwendet, als seine Vision für Geräte und „Dinge“, die über das internet selbständig Daten austauschen, damals aber im Bezug auf Güter, die in der Transportlogistik selbständig Auskunft über Ursprung, Inhalt und Versandweg geben könnten und das über RFID Chips, die im Grunde nicht mehr als computerlesbare Funk-Etiketten sind.

Aber wie es so ist, hat sich der Begriff schnell verselbständigt und wird heute ähnlich wie „Cloud“ sehr unspezifisch für ein komplexes Sammelsurium an Konzepten verwendet.

Fakt 2: IoT = M2M + Moore's Law

Der Grund warum das Konzept "Internet der Dinge" seit 2011 einen Hype erfährt, ist die Möglichkeit auf Grund von Preis, Größe und Stromverbrauch nahezu jeder noch so simplen Sensor-Anwendung eine Internet-Verbindung zu spendieren.

Wenn der Wind-Sensor im Bürogebäude die Jalousien hochfahren lässt, oder die Alarmanlage mittels einer SIM Karte eine Leitstelle informiert tauschen ja auch Dinge miteinander Daten aus. Das bezeichnen wir aber seit Jahrzehnten als "M2M"-Kommunikation.

Was ist also der Unterschied zwischen M2M und IoT?

Schauen wir mal auf die Entwicklung um das Jahr 2011 zurück, denn da tauchte „IoT“ erstmals im Gartner Hype Cycle auf - damals mit der Erwartung dass es mehr als 10 Jahre dauern würde, bis ein sinnvoller Einsatz möglich wäre (nicht ganz so falsch). Es gab damals gerade die ersten ARM Cortex-M0 Chips. 32Bit Microcontroller, die durch ihre winzige Größe, geringen Stromverbrauch und günstigen Preis bestachen.

Das ermöglichte vor allem, Anwendungen mit Internet-Zugang - der einiges an Speicher und Rechen-Ressourcen benötigt - extrem kostengünstig zu realisieren und über längere Zeit mit einer Batterie zu betreiben.

Fakt 3: "IoT" ist ein sehr unspezifischer Sammelbegriff

Wenn wir vom IoT sprechen, meinen wir alle möglichen „Cyber-Physikalischen“ Anwendungen und Systeme, die das Internet zur Datenübertragung nutzen.

Vom Jahr 2011 bis 2016 hat der Begriff „Internet of Things“ dann im Gartner Hype Cycle langsam den „Gipfel der übersteigerten Erwartungen“ erklommen, um kurz nach dem Erreichen daraus zu verschwinden und in zahlreiche Einzel-Technologien, die Gartner fortan in einem eigenen IoT-Hype-Cycle sammelte, zu zerfallen.

Fakt 4: "IoT" bezeichnet keine Anwendung und kein Produkt

Die Analyse und Entscheidungsfindung auf Basis der gesammelten Sensordaten (und deren Metadaten) ist die eigentliche Anwendung.

Da die allermeisten Anwendungen und Technologien darauf ausgerichtet waren, mittels Sensorik Daten zu erfassen und diese an Server in Rechenzentren zur Verfügung zu stellen (diese Server-Infrastrukturen nannte man dann irgendwann „IoT Plattform“ und mit dem Konkurrenzkampf über die Marktführung in diesem Bereich ist auch dieser Begriff inzwischen auf dem Gartner-Peak angelangt) brauchte man nun langsam aber sicher Möglichkeiten, um diese „Big Data“ Sammlungen von unstrukturierten Daten auszuwerten und Mehrwerte daraus zu gewinnen.

Hier kam - ebenfalls ab ca 2016 - das Machine-Learning ins Spiel.
Technologien wie „Predictive Analytics“ (spezieller auch „Predictive Maintenance“) ermöglichen, mittels Mustererkennung in den Sensordaten Aussagen über zukünftige Ereignisse zu treffen.

Ähnlich wie das Internet nicht durch vernetzte Computer sondern durch die Anwendung des E-Commerce seinen ersten großen Wachstumsschub erhalten hat sind es diese Anwendungen, die den eigentlichen Nutzen bringen und nicht die Tatsache, dass Dinge mit dem Internet verbunden sind.

Fakt 5: Der Begriff "Internet of Things" wird inzwischen vor allem mit Sicherheitsrisiken verbunden

Dadurch, dass Menschen, die bis vor wenigen Jahren Geräte für geschlossenen Ökosysteme entwickelt haben, sich plötzlich dem ganzen Internet ausgesetzt sehen, entsteht weniger Innovation als enorme Sicherheitsprobleme

Wenn eine Technologie sehr schnell Verbreitung findet, kann die Industrie meistens nicht Schritt halten und auch eine Regulierung findet nicht schnell genug statt. Die Folge sind qualitativ minderwertige Produkte und im „IoT“ sind es Produkte, die über zu wenig Cyber-Sicherheit verfügen, da hier Unternehmen meist bestehende Produkte schlicht mit Internetzugang ausgestattet haben, ohne dass die entsprechenden Ingenieure aber vorher irgendwelche Berührungspunkte damit hatten.

Fazit

Wie soll das Kind denn nun heißen?

Unter'm Strich ist "Internet of Things" natürlich kein Un-Wort, aber eben ein zu allgemeiner Begriff für die einzelnen Technologien, Produkte und Anwendungen, die wir damit meinen.
Es gibt dabei durchaus Fälle in denen die Bezeichnung weiterhin ihre Berechtigung hat. Beispielsweise ist "NB-IoT" für die Narrowband-Funktechnologie innerhalb von LTE ein guter Name, weil er eindeutig ist.
Und genau das ist der Punkt:
Wir sollten uns bemühen spezifisch sein wo es uns möglich ist, denn sonst manifestiert sich eine Bezeichnung, die ebensogut alles wie nichts bedeutet.

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